Aktueller Text
Überlegungen zu den Erdgeschosszonen im Zentrum Ludwighafens

Als Stephan Behnisch im Festvortrag zur Sommerakademie 2012 über die weltweite Entwicklung der Städte in den kommenden Jahrzehnten sprach und dabei ausführte, dass „…im Jahr 2050 ungefähr 75% der Weltbevölkerung in Städten leben…“war sicher allen Zuhörern klar, dass diese Aussage jeden Einzelnen der Anwesenden direkt angeht und zwar in allen Differenzierungen und Einzelkonsequenzen. Bis zum Jahre 2050 sind es aus heutiger Sicht nur noch ca. fünfunddreißig Jahre, also etwas mehr als eine Generation!

Natürlich geht es bei solchen Globalbetrachtungen vorrangig um klimatische Aspekte, aber eben nicht nur. Es geht zum Beispiel auch darum, wie urbane Verdichtungen strategisch zu bewältigen sind, wie man funktionierende Einheiten oder Untereinheiten organisiert, oder wie man öffentliche und private Lebensräume in den Städten verbindet. Alles hängt miteinander zusammen und deswegen kann es nicht verwundern, dass diese Themen in der Stadtplanungsdiskussion aktuell sehr konkret sind…Wir haben uns deshalb mit multifunktionellen Lebensbereichen zu beschäftigen und den dazu gehörenden infrastrukturellen Bedingungen. Das ist nicht leicht, doch es führt kein Weg daran vorbei, auch in Ludwigshafen nicht...

Was ist zu tun?

Zuerst ist zu fragen, ob die Bürger Ludwighafens (oder jeder anderen Stadt) überhaupt eine Änderung der aktuellen Situation aushalten können oder wollen. Schließlich bedeuten alle Änderungen auch Verhaltens- und Funktionsänderungen für die Bewohner, die gesellschaftlich und politisch formuliert und mehrheitlich beschlossen werden müssen. Dann ist nach den Parametern zu fragen, die zur Änderung der bestehenden Situation beitragen können, insbesondere nach der Trennlinie zwischen öffentlichem und privatem Raum. Die Suche nach der Ausformung der idealen Schnittstelle zwischen Wohnung und Stadt, der Erdgeschosszone, die von Kaye Geipel sogar als „Kampfzone Erdgeschoss“ bezeichnet wird, steht im Zentrum aller Überlegungen und zwar stets vor dem Hintergrund der Geschichte des Geschosswohnungsbaus…

Erdgeschosszonen – Raum für Läden, Geschäfte, Kultur und mehr

Vor dem Hintergrund der vielfältigen Funktionen von Erdgeschosszonen ist es verständlich, dass sich inzwischen Experten vermehrt Gedanken über ihre Ausgestaltung machen und gemacht haben. Drei Ansätze sind aus meiner Sicht interessant. So weist der bereits erwähnte Kaye Geipel in einem Beitrag der Zeitschrift „Bauwelt“ darauf hin, dass Erdgeschosszonen als Schnittstelle zwischen Wohnung und Stadt wichtig sind, um Quartiere zu aktivieren, da Geschosswohnungsbauten adäquate Gemeinschaftsflächen brauchen.

Für Stefan Rettich ist das Erdgeschoss sogar das verlängerte Wohnzimmer der Stadt. Als Beispiele führt er die in der modernen griechischen Stadt anzutreffende Wohnhaustypologie der Polykatoikia an, die (seit 1955 gesetzlich verordnet) den Einbau der Stoa, einer Art Arkade, vorschreibt.


In Singapur wiederum ist die Erdgeschosszone als „void deck“ fester Bestandteil des staatlichen Wohnungsbaus…

Was wäre für Ludwigshafen richtig?

Allen…Einschätzungen zum Thema Erdgeschosszonen kann man sich problemlos anschließen, denn alle genannten Maßnahmen sind plausibel und verständlich. Doch sind sie auch ohne weiteres auf Ludwigshafen übertragbar?

Die Antwort auf diese Frage kann nicht „ja“ oder „nein“ lauten, sondern muss stets vielschichtig sein! Zunächst gilt die auf keinen Fall pessimistische Erkenntnis, dass es sich beim Thema Erdgeschosszonen nur um ein Beispiel in unserem Umgang mit städtebaulichen, wohnungspolitischen und letztlich vielen Grundsatzfragen der Zeit handelt. Und natürlich denkt man hier sofort an das folgende Zitat, das manchmal dem Verhaltensforscher Konrad Lorenz zugeschrieben wird, manchmal aber auch als altes chinesisches Sprichwort gilt:

Gesagt ist nicht gehört, gehört ist nicht verstanden, verstanden ist nicht einverstanden, einverstanden ist nicht getan, getan ist nicht richtig getan.

Die Worte drücken mit dem Hinweis auf das Zuhören und Verstehen von Gesagtem und dem angemessenen Handeln ein Problem unserer Zeit aus, nämlich die latente Schnelligkeit und die damit oft verbundene Oberflächlichkeit. Architekten und Planer kennen das. Viele Aspekte im hier angedeuteten Rahmen sind mehrfach besprochen, publiziert, baulich umgesetzt, und dennoch werden sie immer wieder neu diskutiert…

Im Zusammenhang mit der eigentlichen Nutzung sind prinzipiell keine Grenzen gesetzt, sofern diese Nutzungen dem Standort angemessen sind. Dass sich innerstädtische Nutzungen von Nutzungen in Vororten unterscheiden, ist ebenso eine Binsenweisheit wie die Tatsache, dass Ladenketten weniger attraktiv sind als hochwertiger Einzelhandel. Gut verträglich sind natürlich immer innerstädtische Erdgeschosszonen in Verbindung mit Hofsituationen und Kultur oder Kunst. Interessant ist der Trend, Wohnnutzungen im Erdgeschoss anzusiedeln und die daraus entstehenden Konsequenzen. Eine Konsequenz besteht darin, dass unter Umständen öffentliche Verkehrsflächen umgewidmet und Wohnnutzungen zugeführt werden. Eine andere Konsequenz zeigt sich in der notwendigen „Transparenz“ solcher Erdgeschosszonen, denn in belebten Innenstadtbereichen benötigen sie Licht, Luft und Sonne. Hier stellt sich die eingangs angeführte Frage, bei der es darum ging, ob und wenn ja die Bürger einer Stadt das können oder wollen. Ganz im Sinne der Moderne ist der Gedanke der „void decks“, der am ehesten an Flächenkapazitäten und damit an Finanzierungen gebunden ist, als charmante, weil identitätsfördernde, Lösung anzusehen.

Wenn also die Frage „Was wäre für Ludwigshafen richtig?“, zu beantworten wäre, kann die Antwort nur lauten: Alles in einem verträglichen Mix!

Die meisten fachlichen Parameter sind bekannt, wir benötigen nur wenige weitere Informationen und vor allem benötigen wir keine zusätzlichen Verfahrenswege! Was allerdings gebraucht wird, sind mutige, dem Gemeinwohl zugängliche Investoren, vorausdenkende Planer und Architekten, kompetente Entscheidungsgremien ohne (partei-)
politische Scheuklappen und Bürger beziehungsweise Bewohner, die sich mit ihrer Stadt identifizieren und die sich konstruktiv an Entscheidungsprozessen beteiligen.

(Auszug aus Beitrag zum Thema „Erdgeschosszonen“, Sommerakademie Architektur 2014_siehe Publikationen)